Internet

Peter Thiel: Umstrittener Unternehmer bekommt Springer-Award

Für Mathias Döpfner ist die Sache klar. Peter Thiel sei der «wahrscheinlich mit Abstand einflussreichste Deutsche unserer Zeit», sagte der Vorstandsvorsitzende von Axel Springer der Deutschen Presse-Agentur. Am 24. September will der Medienkonzern den US-Milliardär in Berlin mit dem Axel Springer Award auszeichnen. Die Wahl ist bemerkenswert: Der in Frankfurt am Main geborene Thiel ist einer der einflussreichsten Investoren des Silicon Valley – und zugleich ein politisch hochumstrittener Vordenker der amerikanischen Rechten. 

Der 58-Jährige hat Paypal mit aufgebaut, gehörte zu den ersten externen Investoren bei Facebook und gründete das Softwareunternehmen Palantir mit. Seine politischen Positionen sind libertär und rechtskonservativ. Thiel unterstützte Donald Trump bereits bei dessen erster Präsidentschaftskandidatur 2016. In Deutschland wird zugleich über den Einsatz der Datenanalyse-Software von Palantir durch Sicherheitsbehörden gestritten. 

Advertisement

Döpfner stört die Kontroverse um den Preisträger nicht – im Gegenteil. Thiel habe als Gründer von Paypal, mit frühen Investments in Facebook und andere Start-ups sowie mit der Gründung von Palantir so viel Innovation gestaltet und verändert wie nur wenige, sagt der Springer-Chef im Gespräch mit dpa. «Hinzu kommt: Er ist ein besonders mutiger Widerspruchsgeist.» 

Vom Paypal-Gründer zum politischen Netzwerker 

Thiel wurde 1967 in Frankfurt am Main geboren und zog als Kind mit seiner Familie in die USA. Er studierte Philosophie und Rechtswissenschaften an der Stanford University. Nach Paypal investierte Thiel früh in Facebook und gründete später Palantir mit. Das US-Unternehmen entwickelt Software zur Datenanalyse, die unter anderem von Geheimdiensten, Militär und Polizei genutzt wird. 

Auch deutsche Polizeibehörden setzen auf Palantir. Bayern, Hessen, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg haben sich für das Analysetool «Gotham» entschieden. Das sorgt immer wieder für Kritik. Dabei geht es unter anderem um die Abhängigkeit von einem US-Konzern und die Frage, wie sicher sensible Polizeidaten sind. 

Advertisement

Döpfner bewertet das Unternehmen anders. «Ich glaube beispielsweise, dass ohne ein Unternehmen wie Palantir die Demokratie weltweit in einem wesentlich gefährdeteren Zustand wäre», sagt er. «Ich sehe in Palantir eine Schutzmacht der Demokratie, keine Gefahr für die Demokratie.» 

Palantir ist nur ein Teil von Thiels Einfluss. Der Milliardär hat über Jahre ein weitreichendes Netzwerk in Wirtschaft und Politik aufgebaut. 2016 gehörte er zu den frühen Unterstützern Donald Trumps aus dem Silicon Valley. 

Advertisement

Zu Thiels Netzwerk gehört auch die von ihm mitgegründete «Dialog Society». Nach einem Datenleak veröffentlichte das US-Magazin «Wired» zuletzt Informationen zu Teilnehmern des Netzwerks, darunter US-Regierungsvertreter, ausländische Regierungsmitglieder und Führungskräfte aus dem Silicon Valley. Auch Unionsfraktionschef Jens Spahn nahm in der Vergangenheit mehrfach an Treffen teil. Er verteidigte das mit der Bedeutung des Austauschs auch mit Menschen, deren Meinung er nicht teile. 

Zweifel an der liberalen Demokratie 

Für Kritik sorgen nicht nur Thiels politische Verbindungen, sondern auch eigene Äußerungen. In einem Essay schrieb er 2009, er glaube nicht länger daran, dass Freiheit und Demokratie miteinander vereinbar seien. 

Döpfner kennt die Kritik, bewertet Thiel aber anders. «Ich halte ihn für einen der inspirierendsten und interessantesten Denker.» Die einen bezeichneten ihn mit Verweis auf ein einziges Zitat aus dem Jahr 2009 als Antidemokraten, andere sähen in ihm jemanden, der die Demokratie stärken oder retten wolle und gerade deshalb anders diskutiere. «Das macht uns neugierig.» 

Advertisement

Döpfner erzählt, er habe Thiel nach dessen Unterstützung für Trump 2016 direkt gefragt, was dieser in dem Republikaner sehe. Thiel habe ihm sinngemäß erklärt, es sei völlig egal, wie gut oder schlecht Trump sei. Es brauche einen Disruptor, um eine verkrustete und nicht mehr funktionsfähige, dysfunktionale Regierung herauszufordern. 

Debatten über Religion und den «Antichristen» 

Zuletzt rückten auch Thiels religiöse und apokalyptische Vorstellungen stärker in den Fokus. Der Deutschlandfunk zeichnete in einem ausführlichen Porträt Thiels politische und religiöse Gedankenwelt nach. Demnach beschäftigt sich der Investor unter anderem mit dem theologischen Konzept des «Katechon», des «Aufhalters», der den Antichristen und das Ende der Welt zurückhält. 

Wie kontrovers Thiel inzwischen auch in Europa gesehen wird, zeigte sich in diesem Jahr in Wien. Die Wiener Festwochen wollten mit ihm unter dem Titel «Armageddon und Antichrist? Von der Theologie zur Realpolitik» öffentlich diskutieren. Nach wachsender Kritik und Absagen beteiligter Künstler strich das Festival die Veranstaltung. Die Absagen hätten das Programm in «untragbarem Umfang» geschwächt, teilten die Festwochen mit. 

Es gab allerdings auch Gegenstimmen. Zahlreiche Festivalbesucher hatten sich bei einem öffentlichen Forum für die Veranstaltung ausgesprochen. Sie sahen darin eine Gelegenheit, Thiel mit Kritik und Gegenargumenten zu konfrontieren. 

Protest im Springer-Gebäude 

Auch im Berliner Springer-Gebäude wurde gegen die Auszeichnung protestiert. In einem Aufzug hingen Zettel gegen die Ehrung Thiels. Döpfner spricht von «dieser einen anonymen Aktion». Man wisse bis heute nicht, ob tatsächlich Springer-Beschäftigte oder Personen von außerhalb des Unternehmens die Zettel aufgehängt hätten. 

Thiel selbst soll bei der Preisverleihung in Berlin sprechen und sich auch Fragen stellen. Springer begründet die Auszeichnung vor allem mit seinen Leistungen als Unternehmer und Investor. Mit dem nicht dotierten Axel Springer Award werden nach Angaben des Medienhauses Persönlichkeiten geehrt, die in herausragender Weise als Unternehmer Märkte verändern. Zu den bisherigen Preisträgern gehören unter anderem Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, Amazon-Gründer Jeff Bezos, Tesla-Chef Elon Musk und der Erfinder des World Wide Web, Tim Berners-Lee. 

Am 24. September soll Thiel nun den Preis in Berlin entgegennehmen.